BMBF-Forschungsschwerpunkt | Steuerung im Bildungssystem

Funktionen von Schulinspektion: Erkenntnisgenerierung, wissensbasierte Schulentwicklung und Legitimation

Teilprojekt A:

Zur Legitimationsfunktion von Schulinspektion

Laufzeit:

01.10.2013 - 30.09.2016

Forschungseinrichtung:

Universität Bielefeld

Projektleitung:

Prof. Dr. Martin Heinrich

Projektmitarbeiterin:

Maike Lambrecht, M.A.

Untersuchte Fragestellungen:

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Einführung des „neuen“ Steuerungsinstruments Schulinspektion in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich und in der Regel nicht-linear verlaufen ist, hat das Verbundprojekt „Funktionen von Schulinspektion“ die Logik und Herausforderungen von Reformprozessen im Bildungssystem am Beispiel der Implementation der Schulinspektion untersucht. Im Anschluss an governanceanalytische Überlegungen wurde das Instrument der Schulinspektion dazu mithilfe eines qualitativen Forschungsdesigns in seiner Einbettung in eine komplexe Instrumenten-, Daten- und Akteurskonstellation analysiert. Das Verbundvorhaben setzte dabei an den für die deutschen Schulinspektionssysteme als zentral geltenden Funktionen der Evidenzbasierung politisch-administrativen Handelns einerseits und der Initiierung evidenzbasierter Schulentwicklungsprozesse andererseits an. Vor diesem Hintergrund wurde danach gefragt, was es für die Erfüllung dieser Funktionen bedeutet, dass die Schulinspektion Teil der Bildungsadministration ist, d.h. dass sie in bürokratische Strukturen eingebettet ist. Die zentralen Fragestellungen des Verbundvorhabens lassen sich dabei folgendermaßen formulieren:

Vor welchen Herausforderungen steht die Schulinspektion als Teil der Bildungsadministration?

Welche Rolle spielt die Generierung von Evidenzen für die Legitimation der Schulinspektion innerhalb des politisch-administrativen Systems?

Wie werden die Ergebnisse der Schulinspektion in den Schulen verarbeitet, und was bedeutet das für das Verhältnis von Einzelschule und Bildungsadministration?

(Der Punkt "Untersuchte Fragestellungen" ist inhaltlich aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt.)

Untersuchte Akteure und Bundesländer:

Aufgrund der sensiblen politischen Dynamik im Feld musste für die Phase der Herstellung bzw. Erneuerung der Feldkontakte sowie für den Prozess der Datenerhebung selbst mehr Zeit veranschlagt werden als vorgesehen. Die Ausdehnung der Datenerhebungsphase konnte zeitlich durch die parallele Sichtung und Analyse bereits vorliegenden Materials kompensiert werden.

Untersuchungsdesign:

Die durchgeführten Dokumentenanalysen führten in Bezug auf die Fragestellungen des Teilprojekts A zur Identifizierung zweier für einen kontrastiven Vergleich besonders vielversprechender Inspektionssysteme: Während sich in einem Bundesland in Bezug auf die Schulinspektion ein konzeptioneller Bruch beobachten lässt, ist das im einem anderen Bundesland implementierte Verfahren durch eine relativ konstante Entwicklung gekennzeichnet. Entsprechend wäre zu erwarten, dass sich hier im Fallvergleich unterschiedliche bzw. unterschiedlich erfolgreiche administrative Legitimationsstrategien rekonstruieren lassen.

Die anhand offizieller Dokumente rekonstruierten unterschiedlichen Entwicklungsgeschichten der beteiligten Schulinspektionssysteme wurden für die Konzeption je individueller Intervieweinstiege genutzt; in die Leitfäden sind außerdem theoretische (vgl. Luhmann 2000)[1] und im Rahmen der Sekundäranalyse empirisch entwickelte Hypothesen zu Legitimationsstrategien im Kontext von Reformprozessen eingeflossen.

[1] Luhmann, N. (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Zentrale Abschlussbefunde und Anschlussperspektiven:

Eine der zentralen Thesen, die im Rahmen des Verbundprojekts „Funktionen von Schulinspektion“ entwickelt wurden, ist, dass es im Kontext der sogenannten „Neuen Steuerung“ zu einer verstärkten Politisierung der Bildungsverwaltung kommt. Das bedeutet, dass für die Bildungsverwaltung Fragen der Legitimation der eigenen Arbeit sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber den Einzelschulen in besonderer Weise relevant werden.

Vor diesem Hintergrund reicht es auch für die administrativen Akteure der Schulinspektion nicht mehr aus, politisch formulierte Ziele formal-rational zu bearbeiten, z. B. indem versucht wird, die offiziell mit einem Instrument verbundenen Funktion adäquat zu erfüllen. Vielmehr kommt es darauf an, bildungspolitische Reformen als administrative Projekte zu konzipieren, d. h. sie mit einem Sinn auszustatten, der intern und extern kommunizierbar ist, und so innerhalb der Kultushierarchie eigene Mehrheiten für diese administrativen Projekte zu beschaffen.

Dieser neuen Verhältnisbestimmung von Politik und Verwaltung im Kontext einer Neuen Steuerung entspricht auch eine neue Verhältnisbestimmung von Bildungsadministration und Einzelschule. Zwar gibt es nach wie vor Schulen, die sich in erster Linie „im Schatten der staatlichen Hierarchie“ bewegen, deren Verarbeitung von Schulinspektionsergebnissen also vorrangig daran orientiert ist, staatlich-normative Vorgaben zu erfüllen. Daneben existiert jedoch ein zweiter Typ von Schulen, der in seiner Verarbeitung der Inspektionsergebnisse deutlich autonomer agiert. Die schulischen Akteure dieses Typus nutzen u. a. Inspektionsergebnisse, um sich in ihrem regionalen Umfeld und auch gegenüber der Bildungsadministration als eigenständiger Akteur zu profilieren. Die im Kontext neuer Steuerung propagierte Autonomisierung der Einzelschule erfordert insofern eigentlich eine professionelle Adressierung der schulischen Akteure durch die Bildungsadministration, d.h. eine Form der Beziehung, die konsens- und nicht kontrollorientiert ist. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine Entbürokratisierung der Bildungsverwaltung.

Im Hinblick auf die Frage, welche Perspektiven sich aus den Befunden des Verbundvorhabens für die Steuerungsforschung ergeben, lassen sich zwei Punkte festhalten: Zum einen erfordert die Erforschung von Reformprozessen im Bildungssystem die qualitative Rekonstruktion von Mikroprozessen, z. B. in Bezug auf schulische Entwicklungsprozesse. Die Wirkungen von Steuerungsinstrumenten wie der Schulinspektion können dabei implizit und unterschwellig sein, sich also auf einer Ebene bewegen, die sich einer Darstellung auf der Ebene des subjektiven Sinns der befragten Akteure entzieht. Zum anderen ist für eine gehaltvolle Analyse von Reformprozessen im Bildungssystem eine Reflexion der Bedeutung, die die Verfasstheit des politisch-administrativen Systems für diese Reformen hat, unerlässlich. So sind beispielsweise die Wirkmodelle der empirischen Bildungsforschung nicht ohne weiteres auf die Logik bürokratisch prozessierter Reformen übertragbar.

(Der Punkt "Zentrale Abschlussbefunde" ist aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt)

Projektbezogene Veröffentlichungen:

Brüsemeister, T. (2016): Verschiebungen von Machtbalancen im Bildungswesen – kontrastiver Vergleich zwischen „Schulinspektion“ und „Lernen vor Ort“. In U. Steffens & T. Bargel (Hrsg.), Schulqualität – Bilanz und Perspektiven (S. 277-292). Münster: Waxmann.

Brüsemeister, T., Gromala, L. & Preuß, B. (2016): Transintentionalität in Feldern der Bildung.
Grundlagentheoretische Überlegungen und vergleichende Betrachtung ausgewählter empirischer Befunde. In I. Bormann, T. Brüsemeister & S. Niedlich (Hrsg.), Transintentionalität im Bildungswesen (S. 72-100). Weinheim und Basel: Beltz.

Brüsemeister, T., Gromala, L., Preuß, B. & Wissinger, J. (2016): Schulinspektion im regionalen und institutionellen Kontext – Qualitative Befunde zu schulinspektionsbezogenen Akteurkonstellationen. In Arbeitsgruppe Schulinspektion (Hrsg.), Schulinspektion als Steuerungsimpuls? (S. 51 –89) Wiesbaden: Springer VS.

Brüsemeister, T., Preuß, B. & Wissinger, J. (2014): Schulentwicklung als Governance – Herausforderungen datenbasierter Schulentwicklung. In D. Fickermann & N. Maritzen (Hrsg.), Grundlagen für eine daten- und theoriegestützte Schulentwicklung (S. 215-234). Münster u.a.: Waxmann.

Dietrich, F., Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2015): What is the Purpose of School Inspections? Functional Determination of School Inspection beyond Control. In H.-G. Kotthoff & E. Klerides (Eds.), Governing Educational Spaces. Knowledge, Teaching, and Learning in Transition (pp. 93-104). Rotterdam/Boston/Taipei: Sense Publishers.

Feldhoff, T., Gromala, L. & Brüsemeister, T. (2014): Organisationales Lernen von Schulen im Kontext datenbasierter Steuerung. In H. G. Holtappels (Hrsg.), Schulentwicklung und Schulwirksamkeit als Forschungsfeld (S. 241-257). Münster: Waxmann.

Heinrich, M. (2015a): Metamorphoses of pedagogical autonomy in German school reforms: continuities, discontinuities and synchronicities illustrated by empirical studies on school development planning, school profiling and school inspection. Nordic Journal of Studies in Educational Policy 2015, 1: 28563. Abrufbar unter: http://dx.doi.org/10.3402/nstep.v1.28563 .  

Heinrich, M. (2015b): Zur Ambivalenz der Idee evidenzbasierter Schulentwicklung. Das Beispiel „Schulinspektion“ – fortschrittlicher Rückschritt oder Innovation? Zeitschrift für Pädagogik, 61 (6), S. 778-792.  

Heinrich, M. (2015c): Neue „Vergessene Zusammenhänge“? Pädagogisches Unbehagen anlässlich Heinz-Elmar Tenorths Verhältnisbestimmung von Bildungspolitik und Bildungsforschung. In: DDS – Die Deutsche Schule, 107 (3), S. 285-298.

Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2016): Fusion von School-Effectiveness- und School-Development-Research? Eine Auseinandersetzung am Beispiel der Schulinspektion. In: Steffens, U./ Bargel, T. (Hrsg.), Schulqualität. Bilanz und Perspektiven (S. 183-200). Münster: Waxmann.

Heinrich, M. (2017): Ökonomisierung der Schule durch evidenzbasierte Schulentwicklung? Analysen zur Schulinspektion im Rahmen des Effizienzversprechens „Neuer Steuerung“. In S. Hartong, B. Hermstein & T. Höhne (Hrsg.), Ökonomisierung von Schule – Ansätze, Kontroversen und empirische Fallstudien. Juventa-Verlag. [im Druck]

Heinrich, M. (2017): Schlaglichter auf die Schulqualitätsforschung aus einer Governance-Perspektive. Analysen zu Aushandlungsprozessen am Beispiel der dialogischen Schulinspektion und der Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises. In U. Steffens, K. Maag Merki & H. Fend (Hrsg.), Schulqualität und Schulentwicklung. Theorie – Empirie – Perspektiven. Münster: Waxmann. [im Druck]

Heinrich, M. (2017): Zum Verhältnis von Schulinspektion und Schulaufsicht. Zwei Institutionen zwischen Ausdifferenzierung und Entdifferenzierung. In A. Paseka, M. Heinrich, A. Kanape & R. Langer (Hrsg.), Schulentwicklung zwischen Steuerung und Autonomie. Beiträge aus Aktions-, Schulentwicklungs- und Governance-Forschung. Münster: Waxmann. [im Druck]

Heinrich, M.: Does dialogue work? – Governanceanalysen zur evidenzorientierten dialogischen Handlungskoordination in multipler Akteurskonstellation am Beispiel der Schulinspektion. (Arbeitstitel) In B. Eickelmann & K. Drossel (Hrsg.), Does ‚What works‘ work? Bildungspolitik, Bildungsadministration und Bildungsforschung im Dialog. Münster:Waxmann-Verlag. [in Vorbereitung]

Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2017): Schulinspektion. Externe Evaluation von Schulen aus programmimmanent-steuerungstheoretischer und governanceanalytischer Perspektive. In M. Gläser-Zikuda, M. Harring & C. Rohlfs (Hrsg.), Handbuch Schulpädagogik. Münster: Waxmann Verlag. [im Druck]

Heinrich, M., Lambrecht, M., Böhm-Kasper, O., Brüsemeister, T. & Wissinger, J. (2014): Funktionen von Schulinspektion? Zum Governance-Programm der Vergewisserung und Weiterentwicklung der Qualität schulischer Arbeit. In C. Fischer (Hrsg.), Damit Unterricht gelingt. Von der Qualitätsanalyse zur Qualitätsentwicklung (S. 19-51). Münster u.a.: Waxmann.

Lambrecht, M. (2016): Die „Evolution“ der Evaluation. Reflexionen zum Transintentionalitätskonzept anhand der Entwicklung des Steuerungsimpulses Schulinspektion. In I. Bormann, T. Brüsemeister & S. Niedlich (Hrsg.), Transintentionalität im Bildungswesen (S. 149-188). Weinheim: Juventa.

Preuß, B., Wissinger, J. & Brüsemeister, T. (2015): Einführung der Schulinspektion: Struktur und Wandel regionaler Governance im Schulsystem. In H. J. Abs, T. Brüsemeister, M. Schemmann & J. Wissinger (Hrsg.), Governance im Bildungssystem – Analysen zur Mehrebenenperspektive, Steuerung und Koordination (S. 117-142). Wiesbaden: Springer VS.

(Der Punkt "Projektbezogene Veröffentlichungen" ist aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt)

 

Teilprojekt B:

Erkenntnisgenerierung und wissensbasierte Schulentwicklung

Laufzeit:

01.10.2013 - 30.09.2016

Forschungseinrichtung:

Justus-Liebig-Universität Gießen

Projektleitung:

Prof. Dr. Thomas Brüsemeister, Prof. Dr. Jochen Wissinger

Projektmitarbeiterin:

Lisa Gromala, M.A.

Untersuchte Fragestellungen:

 

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Einführung des „neuen“ Steuerungsinstruments Schulinspektion in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich und in der Regel nicht-linear verlaufen ist, hat das Verbundprojekt „Funktionen von Schulinspektion“ die Logik und Herausforderungen von Reformprozessen im Bildungssystem am Beispiel der Implementation der Schulinspektion untersucht. Im Anschluss an governanceanalytische Überlegungen wurde das Instrument der Schulinspektion dazu mithilfe eines qualitativen Forschungsdesigns in seiner Einbettung in eine komplexe Instrumenten-, Daten- und Akteurskonstellation analysiert. Das Verbundvorhaben setzte dabei an den für die deutschen Schulinspektionssysteme als zentral geltenden Funktionen der Evidenzbasierung politisch-administrativen Handelns einerseits und der Initiierung evidenzbasierter Schulentwicklungsprozesse andererseits an. Vor diesem Hintergrund wurde danach gefragt, was es für die Erfüllung dieser Funktionen bedeutet, dass die Schulinspektion Teil der Bildungsadministration ist, d.h. dass sie in bürokratische Strukturen eingebettet ist. Die zentralen Fragestellungen des Verbundvorhabens lassen sich dabei folgendermaßen formulieren:

Vor welchen Herausforderungen steht die Schulinspektion als Teil der Bildungsadministration?

Welche Rolle spielt die Generierung von Evidenzen für die Legitimation der Schulinspektion innerhalb des politisch-administrativen Systems?

Wie werden die Ergebnisse der Schulinspektion in den Schulen verarbeitet, und was bedeutet das für das Verhältnis von Einzelschule und Bildungsadministration?

(Der Punkt "Untersuchte Fragestellungen" ist inhaltlich aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt.)

Untersuchte Akteure und Bundesländer:

Hinsichtlich der, für den Forschungsschwerpunkt der wissensbasierten Schulentwicklung notwendigen Interviews wurden alle bis auf zwei Interviews erhoben. Es handelt sich hierbei um jeweils ein Interview mit einem Schulträger sowie einem Inspektionsteam. Bei der Schulinspektion handelt es sich um die gleiche, die auch von einer Teilnahme am Teilprojekt A Abstand genommen hat (für eine nähere Begründung der Nicht-Teilnahme siehe den Zwischenbericht des Teilprojektes A). Bei dem Schulträger verhinderten der Weggang der Interviewperson und eine lange Phase der Vakanz der Stelle ein Interview. Das Fehlen dieser beiden Interviews hinsichtlich der wissensbasierten Schulentwicklungsfunktion ist jedoch gut zu kompensieren. So wurde die Anzahl der befragten Schulinspektoren in den anderen Bundesländern erhöht. Zudem wurden bzw. werden in zwei Bundesländern zusätzliche Personen der Schulaufsicht mit Schwerpunkt Schulentwicklung interviewt.

Die Untersuchungsfragen zur Erkenntnisfunktion konnten – durch eine Anpassung des Samples – vollumfänglich durchgeführt werden. Die anvisierten Interviews mit Vertreter/inne/n der Ministerien ließen sich nicht durchführen, da ein Teil der Ministerien die Bereitschaft zur Teilnahme an einer Befragung zurückzog. Darauf wurde mit der Anpassung des Samples reagiert, so dass die Frage nach der Erkenntnisfunktion dennoch vollumfänglich durchgeführt werden konnten und sich von daher keine Änderungen im Projekt ergaben: Als Ersatz für die weggefallenen Interviews mit Vertreter/inne/n von Ministerien wurden in Kooperation mit dem Teilprojekt Bielefeld Interviews mit den Leitungsebenen der Schulinspektion geführt. Zudem wurden die Interviews mit Personen der Schulaufsicht mit dem Schwerpunkt Schulentwicklung in das Sample aufgenommen. Da die Frage nach der Erkenntnisfunktion ohnehin einen engen Bezug zur Wissensfunktion hat, wurde durch diese Anpassung des Samples eine sinnvolle Durchführung der kombinierten Untersuchungsfragen nach der Erkenntnis- und nach der Wissensfunktion erreicht.

Untersuchungsdesign:

Mittels der Methode des Thematischen Kodierens (Flick 2010) wurden zu Beginn des Projektes mit einer Sekundäranalyse der Interviews der 3. Welle des Vorgängerprojektes „Schulinspektion als Steuerungsimpuls zu Schulentwicklung und seine Realisierungsbedingungen auf einzelschulischer Ebene“ begonnen. Durch die Methode des ständigen Vergleichens konnten bereits erste Ergebnisse in die Gestaltung der Leitfäden des aktuellen Projektes einfließen.

Die Datenerhebungen (Genehmigungsverfahren, Herstellung und Erneuerung der Feldkontakte etc.) wurden vorbereitet. Die Instrumente für die Datenerhebung – Ausarbeitung von Interviewleitfäden – wurden (teilweise in Kooperation mit Teilprojekt A) entwickelt. Durchgeführt wurde die Transkription sämtlicher im Jahr 2014 geführten Interviews.

Die Interviews wurden mit der thematischen Kodierung nach dem Ansatz der „Kapazitäten organisationalen Lernens“ (Feldhoff, Gromala & Brüsemeister 2014, Marks & Louis 1999) ausgewertet. Unterschieden werden sieben Bereiche: Organisationsstruktur; Gemeinsame Ziel- und Wertevorstellungen und Kooperation im Kollegium; Wissen und Fertigkeiten; Führung und Management; Qualitätssicherung, Zielüberprüfung und Feedback; Austausch mit der schulischen Umwelt und Partizipation der Lehrkräfte bzw. teacher empowerment.

Zentrale Abschlussbefunde und Anschlussperspektiven:

Eine der zentralen Thesen, die im Rahmen des Verbundprojekts „Funktionen von Schulinspektion“ entwickelt wurden, ist, dass es im Kontext der sogenannten „Neuen Steuerung“ zu einer verstärkten Politisierung der Bildungsverwaltung kommt. Das bedeutet, dass für die Bildungsverwaltung Fragen der Legitimation der eigenen Arbeit sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber den Einzelschulen in besonderer Weise relevant werden.

Vor diesem Hintergrund reicht es auch für die administrativen Akteure der Schulinspektion nicht mehr aus, politisch formulierte Ziele formal-rational zu bearbeiten, z. B. indem versucht wird, die offiziell mit einem Instrument verbundenen Funktion adäquat zu erfüllen. Vielmehr kommt es darauf an, bildungspolitische Reformen als administrative Projekte zu konzipieren, d. h. sie mit einem Sinn auszustatten, der intern und extern kommunizierbar ist, und so innerhalb der Kultushierarchie eigene Mehrheiten für diese administrativen Projekte zu beschaffen.

Dieser neuen Verhältnisbestimmung von Politik und Verwaltung im Kontext einer Neuen Steuerung entspricht auch eine neue Verhältnisbestimmung von Bildungsadministration und Einzelschule. Zwar gibt es nach wie vor Schulen, die sich in erster Linie „im Schatten der staatlichen Hierarchie“ bewegen, deren Verarbeitung von Schulinspektionsergebnissen also vorrangig daran orientiert ist, staatlich-normative Vorgaben zu erfüllen. Daneben existiert jedoch ein zweiter Typ von Schulen, der in seiner Verarbeitung der Inspektionsergebnisse deutlich autonomer agiert. Die schulischen Akteure dieses Typus nutzen u. a. Inspektionsergebnisse, um sich in ihrem regionalen Umfeld und auch gegenüber der Bildungsadministration als eigenständiger Akteur zu profilieren. Die im Kontext neuer Steuerung propagierte Autonomisierung der Einzelschule erfordert insofern eigentlich eine professionelle Adressierung der schulischen Akteure durch die Bildungsadministration, d.h. eine Form der Beziehung, die konsens- und nicht kontrollorientiert ist. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine Entbürokratisierung der Bildungsverwaltung.

Im Hinblick auf die Frage, welche Perspektiven sich aus den Befunden des Verbundvorhabens für die Steuerungsforschung ergeben, lassen sich zwei Punkte festhalten: Zum einen erfordert die Erforschung von Reformprozessen im Bildungssystem die qualitative Rekonstruktion von Mikroprozessen, z. B. in Bezug auf schulische Entwicklungsprozesse. Die Wirkungen von Steuerungsinstrumenten wie der Schulinspektion können dabei implizit und unterschwellig sein, sich also auf einer Ebene bewegen, die sich einer Darstellung auf der Ebene des subjektiven Sinns der befragten Akteure entzieht. Zum anderen ist für eine gehaltvolle Analyse von Reformprozessen im Bildungssystem eine Reflexion der Bedeutung, die die Verfasstheit des politisch-administrativen Systems für diese Reformen hat, unerlässlich. So sind beispielsweise die Wirkmodelle der empirischen Bildungsforschung nicht ohne weiteres auf die Logik bürokratisch prozessierter Reformen übertragbar.

(Zentrale Abschlussbefunde sind aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt)

Projektbezogene Veröffentlichungen:

Brüsemeister, T. (2016): Verschiebungen von Machtbalancen im Bildungswesen – kontrastiver Vergleich zwischen „Schulinspektion“ und „Lernen vor Ort“. In U. Steffens & T. Bargel (Hrsg.), Schulqualität – Bilanz und Perspektiven (S. 277-292). Münster: Waxmann.

Brüsemeister, T., Gromala, L. & Preuß, B. (2016): Transintentionalität in Feldern der Bildung.
Grundlagentheoretische Überlegungen und vergleichende Betrachtung ausgewählter empirischer Befunde. In I. Bormann, T. Brüsemeister & S. Niedlich (Hrsg.), Transintentionalität im Bildungswesen (S. 72-100). Weinheim und Basel: Beltz.

Brüsemeister, T., Gromala, L., Preuß, B. & Wissinger, J. (2016): Schulinspektion im regionalen und institutionellen Kontext – Qualitative Befunde zu schulinspektionsbezogenen Akteurkonstellationen. In Arbeitsgruppe Schulinspektion (Hrsg.), Schulinspektion als Steuerungsimpuls? (S. 51 –89) Wiesbaden: Springer VS.

Brüsemeister, T., Preuß, B. & Wissinger, J. (2014): Schulentwicklung als Governance – Herausforderungen datenbasierter Schulentwicklung. In D. Fickermann & N. Maritzen (Hrsg.), Grundlagen für eine daten- und theoriegestützte Schulentwicklung (S. 215-234). Münster u.a.: Waxmann.

Dietrich, F., Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2015): What is the Purpose of School Inspections? Functional Determination of School Inspection beyond Control. In H.-G. Kotthoff & E. Klerides (Eds.), Governing Educational Spaces. Knowledge, Teaching, and Learning in Transition (pp. 93-104). Rotterdam/Boston/Taipei: Sense Publishers.

Feldhoff, T., Gromala, L. & Brüsemeister, T. (2014): Organisationales Lernen von Schulen im Kontext datenbasierter Steuerung. In H. G. Holtappels (Hrsg.), Schulentwicklung und Schulwirksamkeit als Forschungsfeld (S. 241-257). Münster: Waxmann.

Heinrich, M. (2015a): Metamorphoses of pedagogical autonomy in German school reforms: continuities, discontinuities and synchronicities illustrated by empirical studies on school development planning, school profiling and school inspection. Nordic Journal of Studies in Educational Policy 2015, 1: 28563. Abrufbar unter: http://dx.doi.org/10.3402/nstep.v1.28563 .  

Heinrich, M. (2015b): Zur Ambivalenz der Idee evidenzbasierter Schulentwicklung. Das Beispiel „Schulinspektion“ – fortschrittlicher Rückschritt oder Innovation? Zeitschrift für Pädagogik, 61 (6), S. 778-792.  

Heinrich, M. (2015c): Neue „Vergessene Zusammenhänge“? Pädagogisches Unbehagen anlässlich Heinz-Elmar Tenorths Verhältnisbestimmung von Bildungspolitik und Bildungsforschung. In: DDS – Die Deutsche Schule, 107 (3), S. 285-298.

Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2016): Fusion von School-Effectiveness- und School-Development-Research? Eine Auseinandersetzung am Beispiel der Schulinspektion. In: Steffens, U./ Bargel, T. (Hrsg.), Schulqualität. Bilanz und Perspektiven (S. 183-200). Münster: Waxmann.

Heinrich, M. (2017): Ökonomisierung der Schule durch evidenzbasierte Schulentwicklung? Analysen zur Schulinspektion im Rahmen des Effizienzversprechens „Neuer Steuerung“. In S. Hartong, B. Hermstein & T. Höhne (Hrsg.), Ökonomisierung von Schule – Ansätze, Kontroversen und empirische Fallstudien. Juventa-Verlag. [im Druck]

Heinrich, M. (2017): Schlaglichter auf die Schulqualitätsforschung aus einer Governance-Perspektive. Analysen zu Aushandlungsprozessen am Beispiel der dialogischen Schulinspektion und der Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises. In U. Steffens, K. Maag Merki & H. Fend (Hrsg.), Schulqualität und Schulentwicklung. Theorie – Empirie – Perspektiven. Münster: Waxmann. [im Druck]

Heinrich, M. (2017): Zum Verhältnis von Schulinspektion und Schulaufsicht. Zwei Institutionen zwischen Ausdifferenzierung und Entdifferenzierung. In A. Paseka, M. Heinrich, A. Kanape & R. Langer (Hrsg.), Schulentwicklung zwischen Steuerung und Autonomie. Beiträge aus Aktions-, Schulentwicklungs- und Governance-Forschung. Münster: Waxmann. [im Druck]

Heinrich, M.: Does dialogue work? – Governanceanalysen zur evidenzorientierten dialogischen Handlungskoordination in multipler Akteurskonstellation am Beispiel der Schulinspektion. (Arbeitstitel) In B. Eickelmann & K. Drossel (Hrsg.), Does ‚What works‘ work? Bildungspolitik, Bildungsadministration und Bildungsforschung im Dialog. Münster:Waxmann-Verlag. [in Vorbereitung]

Heinrich, M. & Lambrecht, M. (2017): Schulinspektion. Externe Evaluation von Schulen aus programmimmanent-steuerungstheoretischer und governanceanalytischer Perspektive. In M. Gläser-Zikuda, M. Harring & C. Rohlfs (Hrsg.), Handbuch Schulpädagogik. Münster: Waxmann Verlag. [im Druck]

Heinrich, M., Lambrecht, M., Böhm-Kasper, O., Brüsemeister, T. & Wissinger, J. (2014): Funktionen von Schulinspektion? Zum Governance-Programm der Vergewisserung und Weiterentwicklung der Qualität schulischer Arbeit. In C. Fischer (Hrsg.), Damit Unterricht gelingt. Von der Qualitätsanalyse zur Qualitätsentwicklung (S. 19-51). Münster u.a.: Waxmann.

Lambrecht, M. (2016): Die „Evolution“ der Evaluation. Reflexionen zum Transintentionalitätskonzept anhand der Entwicklung des Steuerungsimpulses Schulinspektion. In I. Bormann, T. Brüsemeister & S. Niedlich (Hrsg.), Transintentionalität im Bildungswesen (S. 149-188). Weinheim: Juventa.

Preuß, B., Wissinger, J. & Brüsemeister, T. (2015): Einführung der Schulinspektion: Struktur und Wandel regionaler Governance im Schulsystem. In H. J. Abs, T. Brüsemeister, M. Schemmann & J. Wissinger (Hrsg.), Governance im Bildungssystem – Analysen zur Mehrebenenperspektive, Steuerung und Koordination (S. 117-142). Wiesbaden: Springer VS.

(Der Punkt "Projektbezogene Veröffentlichungen" ist aus Projekt A und Projekt B zusammengeführt)