BMBF-Forschungsschwerpunkt | Steuerung im Bildungssystem

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Leiter des Projekts: Prof. Dr. Ludger Wößmann

Leiter des Projekts: Prof. Dr. Ludger Wößmann

News vom 15.09.2016

Studienhintergrund

Die Ergebnisse aus der ersten Förderphase deuten darauf hin, dass zentrale Abschlussprüfungen nicht nur als Instrument der Qualitätssicherung im Schulsystem wirksam sind, sondern auch längerfristig wirken, indem sie den Erfolg der Schüler am Arbeitsmarkt beeinflussen. Die vorhandene Literatur liefert allerdings keine Erkenntnisse darüber, wie Unternehmen die in zentralen bzw. dezentralen Prüfungssystemen erworbenen Schulnoten für ihre Einstellungsentscheidungen nutzen. In diesem Projekt wird die Bedeutung von Schulabschlussnoten im Vergleich zu anderen Lebenslaufmerkmalen bei Personalauswahl-Entscheidungen durch Unternehmen in Deutschland untersucht.

Es ist davon auszugehen, dass bei Lehrstellenbewerbern mit Mittlerer Reife, die direkt nach dem Schulabschluss in den Arbeitsmarkt eintreten, die Schulabschlussnote als unmittelbares Produktivitätssignal wirkt. Hochschulabsolventen hingegen haben neben der Abiturnote mit der Hochschulnote ein weiteres Produktivitätssignal erworben. Anhand eines kontrollierten Entscheidungsexperiments und anschließender Befragung unter Personalleitern in Deutschland wird die relative Bedeutung von Schulabschlussnoten, Hochschulnoten und anderen potenziellen Produktivitätssignalen wie Sprach- und Computerkenntnissen bei der Personalauswahl in Unternehmen ermittelt.

Studiendesign

An dem online durchgeführten Entscheidungsexperiment mit anschließendem Fragebogen nahmen knapp 600 Personalleiter teil, die einer repräsentativen Stichprobe der Unternehmen in Deutschland entstammen. Die Befragten wurden anhand der Bildungsstruktur ihrer Unternehmen in zwei Gruppen geteilt: Die Hälfte der Personalleiter erhielt fiktive Kandidaten mit Mittlerer Reife für eine Lehrstelle, die anderen Personalleiter erhielten fiktive Kandidaten mit Hochschulabschluss für eine gehobene Traineestelle. Es wurden dabei jeweils zwei fiktive Lebensläufe gezeigt, welche grundlegende Informationen über Bildungsabschlüsse und Abschlussnoten, Berufserfahrung, Sprach- und Computerkenntnisse sowie ehrenamtliches Engagement und sportliche Aktivitäten der fiktiven Bewerber beinhalteten. Die Personalentscheider wurden mit der Frage „Welchen Bewerber würden Sie eher zu einem Bewerbungsgespräch in Ihrem Betrieb einladen?“ gebeten, sich für einen der beiden Bewerber zu entscheiden. Sämtliche Lebenslaufmerkmale wurden randomisiert, sodass sich mittels Regressionsanalysen der Einfluss der einzelnen Merkmale auf die Einladungswahrscheinlichkeit errechnen ließ.

Ein anschließender Fragenbogen erfasste Angaben zur Person des Personalleiters und stellte explizite Fragen zu den Auswahlpräferenzen des Personalleiters in seinem Unternehmen allgemein.

Bisherige Analyse-Ergebnisse

Erste Ergebnisse des Experiments legen nahe, dass Schulabschlussnoten bei Einladungsentscheidungen besonders dann wichtig sind, wenn diese direkt vor dem Eintritt in den Arbeitsmarkt erworben wurden. So hat die Schulabschlussnote bei Bewerbern mit Mittlerer Reife einen signifikanten positiven Einfluss auf die Einladungsentscheidung. Bei Hochschulabsolventen, die mit der Hochschulabschlussnote anschließend ein weiteres relevantes Produktivitätssignal erworben haben, hat die Schulabschlussnote hingegen keinen signifikanten Effekt. Hier ist die Abschlussnote des Hochschulabschlusses das wichtigste Lebenslaufmerkmal, gefolgt von der Länge der Berufserfahrung durch Praktika. Neben dem absoluten Notenniveau ist auch der Notentrend zwischen Abitur- und Hochschulnote für die Personalleiter ein wichtiges Merkmal, also ob sich ein Bewerber im Laufe des Studiums seit seinem Abitur verbessert hat. Bei Lehrstellenbewerbern spielen neben der Abschlussnote der Mittleren Reife auch Computerkenntnisse, vor allem aber soziales Engagement eine große Rolle.

Die Ergebnisse des Fragebogens spiegeln die Entscheidungen der Personalleiter im Experiment wider. So halten 67% der Personalleiter die Abschlussnote der Mittleren Reife bei Lehrstellenbewerbern für „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Bei Hochschulabsolventen finden 46% der Personalleiter die Abiturnote wichtig. Dies bestätigt die Annahme, dass die Schulabschlussnote bei direktem Einstieg in den Arbeitsmarkt als unmittelbares Produktivitätssignal wirkt, was bei Hochschulabsolventen, die durch den Erwerb der Hochschulnote ein weiteres Produktivitätssignal erworben haben, abgeschwächt wird. Ob die Abschlussprüfung zentral oder dezentral organisiert war, scheint für die Personalleiter eine untergeordnete Rolle zu spielen. So gibt nur eine Minderheit der Personalleiter an, dass sie einen Bewerber bevorzugt einstellen würde, wenn dieser seinen Schulabschluss in einem Bundesland mit zentralen Abschlussprüfungen erworben hat. Allerdings bevorzugen Personalleiter, die selbst aus Bundesländern mit einer langen Zentralabschlusstradition (wie Bayern und Baden-Württemberg) stammen, Bewerber mit zentral erworbenem Abschluss erkennbar stärker als Personalentscheider, die aus anderen Bundesländern stammen. Diese Differenz ist bei den Lehrstellenbewerbern mit Mittleren Reife größer als bei den Abiturienten.

Nächste Arbeitsschritte

Im weiteren Projektverlauf sollen die Daten detaillierter ausgewertet werden. Zum einen sollen Zusammenhänge zwischen der experimentellen Entscheidung der Personalleiter und den Angaben aus dem Fragebogen untersucht werden. So lässt sich ermitteln, inwiefern die Entscheidung zwischen den Lebensläufen mit den angegebenen grundsätzlichen Präferenzen der Personalleiter übereinstimmt. Des Weiteren sollen Subgruppenanalysen nach Unternehmens- und Personalleitermerkmalen wie zum Beispiel Branchenzugehörigkeit oder Unternehmensgröße bzw. Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss des Personalleiters durchgeführt werden.

Projektverantwortlicher:

Prof. Dr. Ludger Wößmann

Kontakt:

woessmann@ifo.de