BMBF-Forschungsschwerpunkt | Steuerung im Bildungssystem

Förder- und Selektionspraktiken als Reaktionsformen auf Instrumente der Output- und Wettbewerbssteuerung im Schulsystem

Laufzeit:

01.09.2014 bis 31.08.2017

Forschungs-einrichtung:

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Projektleitung:

Prof. Dr. Johannes Bellmann

Projektmitarbeiter-Innen:

Sebastian Schweizer, Dipl-Pol., Katharina Hans, M.A.

Untersuchte Fragestellungen:

Förderung ist in den letzten Jahren zu einem höchst prominenten Thema geworden. Individuelle Förderung hat vor allem in der Lehr-Lern-Forschung nach den Ergebnissen der internationalen Bildungsvergleichsstudien verstärkte Aufmerksamkeit erfahren, wobei aus interdisziplinärer Perspektive nach den Bedingungen erfolgreichen schulischen Lernens gefragt wird. Förderung wird dabei grundsätzlich als „gut“ bezeichnet, wobei der Begriff schon aufgrund der ubiquitären Verwendung an Kontur verliert und somit keinem einheitlichen Konzept unterliegt. Selektion hingegen ist meist negativ konnotiert und wird insbesondere in der Profession als problematische Aufgabe angesehen. Bei dieser dualistischen Gegenüberstellung wird jedoch oftmals nicht bedacht, dass Fördermaßnahmen selbst Selektionsentscheidungen darstellen. Das unter Leitung von Prof. Dr. Johannes Bellmann durchgeführte Projekt ‚SelF‘ hat sich zum Ziel gesetzt, Förderung und Selektion als Praktiken der Konstruktion von Differenzen in den Blick zu nehmen und in ihrer Relationierung zu untersuchen. Am Projekt beteiligen sich vier Gesamtschulen in Brandenburg. In diesen führen wir in mehreren mehrtägigen Feldaufenthalten als primäre Erhebungsmethode Beobachtungen der unterrichtlichen Praxis durch. Bei der Rekonstruktion der Beobachtungsdaten kommt in den Blick, wie Praktiken des Differenzierens im Rahmen individueller Förderung ausgestaltet werden. Einbezogen werden hier auch Artefakte, Personen und Interaktionen, die das Vollzugsgeschehen gestalten. Zudem führen wir Leitfadeninterviews mit LehrerInnen und Schulleitungen und sind an Gruppendiskussionen der Steuergremien beteiligt. Diese Interviewerhebungen leisten zur Rekonstruktion von Praktiken des Differenzierens insofern einen Beitrag, als dass es in Interviews nicht allein darum geht, über Praktiken der Förderung und Selektion zu sprechen, sondern Interviews selber als Praktiken analysiert werden können, in denen eine praktisches Wissen von Förderung und Selektion aufgeführt wird.

Untersuchte Akteure und Bundesländer:

Das Projekt untersucht die Relationierung von Förder- und Selektionspraktiken in vier Gesamtschulen in Brandenburg. Gesamtschulen sind besonders interessant für die Untersuchung, da diese im Rahmen des Ganztagsbetriebs über ein breites Spektrum an Fördermaßnahmen verfügen sowie bei der Aufnahme von Schülern wie auch während der Schullaufbahn differente Selektionsprozesse praktizieren. Fokussiert wird dabei auf Schulleitungen und Lehrer in unterschiedlichen Settings.

Untersuchungsdesign:

Die Basis der Untersuchung bilden kontrastive Fälle hinsichtlich der Wettbewerbssituation wie auch hinsichtlich differenter Förder- und Selektionsverständnisse. Mithilfe von Dokumentenanalysen und Befragungen können institutionalisierte Selbstentwürfe rekonstruiert werden, die im Zusammenspiel mit Praktiken und Artefakten, welche praxeografisch untersucht werden, ein ganzheitliches Abbild schulischer Praktiken der Förderung und Selektion ermöglichen. Es handelt sich somit um ein qualitatives Untersuchungsdesign, das unterschiedliche Settings untersucht, in denen Praktiken der Förderung und der Selektion performativ verkörpert und diskursiv verhandelt werden.

Zentrale Abschlussbefunde:

Da das Projekt als eines der letzten in der zweiten Förderphase gestartet ist, liegen bisher nur vorläufige Ergebnisse vor. Die bisherigen Auswertungen lassen erkennen, dass sich individuelle Förderung als Praktiken der Differenzkonstruktion in unterschiedlicher Weise zeigt. Abhängig scheint dies davon zu sein, wie auf Seiten der Schule, auf Seiten der SchülerInnen und auf Seiten der Lehrkräfte die Forderungen des Förderdiskurses verarbeitet werden. Praktiken der Differenzkonstruktion zeichnen sich durch eine je spezifische Relationierung von gesetzten Leistungserwartungen (Sollen), einem unterstellten Leistungsvermögen (mögliches Können), dem tatsächlichen Leistungsverhalten (beobachtbares Können) und einem auf die Selbstverhältnisse bezogenen Wollen aus. Die so aufgeführte individuelle Förderung bringt dann differente Subjektivierungseffekte auf Seiten der Schüler wie der Lehrkräfte hervor, die von Dimensionen der Selbstregulation bis hin zu Dimensionen der didaktischen Vermittlung von Sachbezügen reicht. Vieles spricht dafür, dass individuelle Förderung vor allem darauf gerichtet ist, die ‚richtigen‘ Selbstverhältnisse zu etablieren, und dabei sachbezogene, unterrichtende Förderung in den Hintergrund treten lässt. Diese Ergebnisse, die noch weiter geprüft und akzentuiert werden müssen, geben Hinweise darauf, dass mit der Gerichtetheit auf Selbstregulation, Selbstorganisation und Selbstevaluation zunehmend die Bearbeitung von Selbstverhältnissen im Vordergrund steht, die implizit als Bedingung für erfolgreiches schulisches Lernen verstanden wird.

Projektbezogene Veröffentlichungen:

Bellmann, Johannes/Hans, Katharina/Schweizer, Sebastian (in Vorbereitung). Figurationen individueller Förderung. Formen der Subjektivierung im Horizont der Dimensionen Wollen, Sollen und Können.

Balzer, Nicole/Bellmann, Johannes/Hans, Katharina/Schweizer, Sebastian (2017). Von Reformdiskursen zu Reformpraktiken und zurück. Exemplarische Analysen in den Feldern Hochschuldidaktik und individuelle Förderung. Working Paper Nr. 2, Arbeitsgruppe Allgemeine Erziehungswissenschaft am Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster --> Link zum PDF

Balzer, Nicole/Bellmann, Johannes/Hans, Katharina/Schweizer, Sebastian (2017). Begabungsgerechte individuelle Förderung und Wissenschaftsorientierung: Exemplarische Analysen diskursiver und praktischer Differenzkonstruktionen. Working Paper Nr. 1, Arbeitsgruppe Allgemeine Erziehungswissenschaft am Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster --> Link zum PDF