BMBF-Forschungsschwerpunkt | Steuerung im Bildungssystem

Projektstandort Gießen

Prof. Dr. Jochen Wissinger

Prof. Dr. Jochen Wissinger

News vom 15.03.2013

Schulinspektion im regionalen und institutionellen Kontext – Qualitative Befunde zu schulinspektionsbezogenen Akteurkonstellationen (Prof. Dr. Thomas Brüsemeister/Prof. Dr. Jochen Wissinger)

Das Teilprojekt an der Justus-Liebig-Universität Gießen untersucht auf der metatheoretischen Grundlage der Educational-Governance-Perspektive Wirkungen der Schulinspektion mit Blick auf die Kooperations- und Interaktionsmuster zwischen beteiligten und betroffenen Akteuren im schulischen Mehrebenensystem. Mithilfe qualitativer Interviews im Rahmen einer Längsschnittstudie erforscht das Team um Prof. Brüsemeister und Prof. Wissinger, inwieweit sich nach Einführung der länderspezifischen Schulinspektionsverfahren im Rollenhandeln und in den Konstellationen zwischen den Akteurgruppen (Schulleitung, Schulaufsicht, Schulträger, Lehrkräfte, Eltern und Inspektoren) Umgewichtungen und Veränderungen ergeben. Nachfolgend werden erste Befunde zu den Wahrnehmungen und dem Rollenhandeln dieser Akteure aus den Untersuchungsländern Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Thüringen dargestellt:

1)      Die Schulleitungen sind die zentralen Ansprechpartner der Inspektion. Sie tragen die Verantwortung für die schulische Umsetzung bildungspolitischer Reformen. Es zeigt sich dabei, dass die jeweiligen Führungsstile der Schulleitungen Handlungsabstimmungen, Koordinationen und Transformationen im Zusammenhang von Schulinspektion prägen. Gleichzeitig sind Schulleitungen herausgefordert, Lehrkräften, Eltern und Schüler/innen bestimmte Perspektiven der Schulinspektion zu vermitteln. Insbesondere bei bereits aktiven Schulen entwickeln sich  Kooperationen, in erster Linie zu Lehrkräften, sogar zu externen Partnern. Die Schulleitungen wünschen sich hinsichtlich der Qualitätsentwicklung ihrer Schule Unterstützung von außen (z.B. durch die Schulaufsicht oder durch Fachberater), ob im Prozess der Schulinspektion oder zu Gunsten einer nachhaltigen Entwicklung im Anschluss daran. Die Beziehungen zur Schulaufsicht bleiben relativ unverändert und werden vor allem durch die bereits bestehende gute oder weniger gute Beziehungsqualität beeinflusst.

 2)      Die Lehrkräfte schildern Ambivalenzen: Einerseits nehmen sie Schulinspektion als Aufsicht und Kontrolle wahr, andererseits als Chance, von außen schulische Praxis in ihren Vor- und Nachteilen gespiegelt zu bekommen. Sie kooperieren in erster Linie mit der Schulleitung, zeigen aber auch Rückzugsverhalten, insbesondere durch unangenehme Erfahrungen im Zusammenhang mit der Rückmeldesituation. Diese beziehen sich auf Situationen der Kränkung, die dadurch entstehen, dass die Fremdwahrnehmung (der Schulinspektion) und die Eigenwahrnehmung (der Lehrer/innen) nicht übereinstimmen. In Einzelfällen nutzen die Lehrkräfte Schulinspektion, um bestehende Konflikte mit der Schulleitung zu klären. Von der Schulinspektion wünschen sie sich ein persönliches Feedback über die Qualität ihres Unterrichts.

3)      Auch die Eltern nehmen Schulinspektion ambivalent wahr: Einerseits interessieren sie sich für Schulinspektion, wenn es um einen Vorteil für ihr eigenes Kind geht. Anliegen der Eltern ist dabei, im Interesse der optimalen Bildung ihres Kindes schulische Qualität und Entwicklung befördert zu wissen. Andererseits sehen sie sich generell über Schulinspektion wenig informiert und wären gern stärker in das Schulinspektionsgeschehen involviert und an den Schulentwicklungsprozessen stärker beteiligt. Dies spiegelt sich auch generell beim Umgang der Eltern mit dem Thema Schulentwicklung: Einige engagieren sich, andere halten sich im Engagement für Schule völlig zurück. Ebenso sind die Kooperationen der Eltern zur Schule sehr unterschiedlich: Sowohl partnerschaftlicher Dialog zwischen Eltern und Schule als auch Empfindungen von Abhängigkeit (insbesondere gegenüber den Lehrkräften, da sie letztlich über den Bildungserfolg ihres Kindes entscheiden) sind erkennbar. Zentraler Ansprechpartner für den Dialog ist für sie die Schulleitung.

4)      Das Inspektionsteam nimmt sich als neutraler Partner von Schule wahr und versucht über Lob- und Vertrauenskultur schulische Akzeptanz zu gewinnen. Das Instrument Schulinspektion wird nicht als Kontrolle gesehen, sondern als hilfreich für Schulentwicklung. Als problematisch sieht es das Inspektionsteam, Wissen über Schule zurückzuhalten; insbesondere wenn die Inspektor/inn/en von der Profession her Lehrer/innen sind. Sie haben viel Erfahrungswissen über Schule, sollen dies aber nicht preisgeben und sollen Schule nicht beraten.

5)      Die Schulaufsicht hat ein positives Verständnis von Schulinspektion, diese wird als ergänzendes und hilfreiches Instrument der Aufsicht verstanden. Die Schulaufsicht ist durch die Einführung der Schulinspektion und im Rahmen der Durchführung von Zielvereinbarungen mit der Schule mit der neuen Rolle und Aufgabe konfrontiert, nicht nur mehr zwischen Bildungsverwaltung und Schule vermittelnd zu kommunizieren, sondern auch den Akteur Schulinspektion zu berücksichtigen. Dies bringt Anfragen der bzw. Reflexionen über die traditionelle Rolle mit sich, in der die Schulaufsicht sowohl administrative als auch beratende Funktionen hat. Durch den neuen Akteur Schulinspektion werden für die Schulaufsicht Fragen aufgeworfen, wie sich das Verhältnis zwischen Aufsicht, Beratung und Inspektion balancieren soll respektive welche Konsequenzen dies für die Beziehung zwischen Aufsicht und Schule mit sich bringt. Erwartet wird von Seiten der Schulaufsicht, dass die Schule initiativ wird und Eigenverantwortung für ihre Qualität zeigt.

6)      Die Schulträger nehmen Schulinspektion als positiv wahr, wären aber gerne „echter Beteiligter“ im Prozess der Schulinspektion. Sie fühlen sich in einer passiven Rolle, da sie in ihrer gesetzlich zugestandenen Rolle die pädagogischen Wertungen des Inspektionsberichts kaum nutzen können. Einige Schulträger gehen jedoch mit der Schule das ideelle Bündnis ein, gemeinsam Bildung zu optimieren. Bildung hat aus ihrer Sicht einen so hohen Stellenwert, dass es sich für den Schulträger lohnt, zu investieren und Fragen jenseits von Zuständigkeiten zu beantworten. Schulinspektion bedeutet aus dieser Perspektive für den Schulträger ein nützliches Instrument, das auch hilft, eigene Positionen und Interessen in der Region zu stärken.

Die vollständigen, Einzelebenen-übergreifenden Auswertungen der Interviews sollen im Rahmen einer späteren Newsletter-Ausgabe veröffentlicht werden.